Vergesst Tinder: Die Partnersuche im Netz lauft jetzt anders

Vergesst Tinder: Die Partnersuche im Netz lauft jetzt anders

Menschen, die auf der Suche nach einer Beziehung sind, haben die Nase voll von Apps und finden Inspiration bei Twitter, TikTok und sogar E-Mail-Newslettern.

  • Tanya Basu

Randa Sakallah grundete “Hot Singles” im Dezember 2020, um etwas gegen ihren eigenen Dating-Blues zu tun. Sie war gerade nach New York gezogen, um in der Tech-Branche zu arbeiten, und hatte “die Nase voll vom Swipen”. Also erstellte sie mit der Plattform Substack einen E-Mail-Newsletter mit einer scheinbar einfachen Pramisse: Bewirb dich per Google-Formular, und wenn du aufgenommen wirst, wird dein Profil – und nur dein Profil – an ein Publikum von Tausenden gesendet.

Jedes Profil enthalt die erforderlichen Informationen: Name, sexuelle Orientierung, Interessen und einige Fotos. Das Besondere ist die redaktionelle Bearbeitung: Manche Fragen von Sakallah und die E-Mail-Prasentation sind sehr ungewohnlich. Der “Single dieser Woche” wird zum Beispiel gefragt, welches Tier er gern sein mochte; die Antwort liegt irgendwo zwischen einem Pfau und einem Seeotter.

Laut Sakallah besteht ein Teil des Reizes von Hot Singles darin, dass am Freitag nur das Profil einer Person per E-Mail zugestellt wird. Es sei eben keine Flut von Gesichtern, die auf Abruf zur Verfugung stunden, sagt sie. Dadurch konne man eine einzelne Person wirklich als menschliches Wesen und nicht als algorithmisch angebotene Statistik kennenlernen.

“Ich versuche, eine Geschichte zu erzahlen und den Personen eine Stimme zu geben”, sagt Sakallah. “Denn man soll wirklich die ganze Person betrachten.”

Das Paradoxon der Auswahl

Dating-Apps mogen schnell und einfach zu bedienen sein, aber Kritiker sagen, dass ihr Design und ihr Fokus auf Bilder die Menschen auf Karikaturen reduziert – ganz zu schweigen von unangenehmen und rassistischen Kommentaren, die ebenfalls zum schlechten Ruf beitragen.

Der Frust durch Dating-Apps hat mehrere Ursachen. Da ist zum einen das Paradoxon der Auswahl: Einerseits mochte man aus einer Vielzahl von Menschen wahlen konnen, andererseits aber kann diese Vielfalt kann auch lahmen und uberfordern. Au?erdem engen die Angaben zum Wohnort, die bei solchen Apps typischerweise eingestellt werden, den Blick mehr ein als notwendig.

Alexis Germany, eine professionelle Heiratsvermittlerin, beschloss, wahrend der Pandemie TikTok-Videos auszuprobieren, um Menschen zu prasentieren. Dabei stellte sie fest, dass die sehr beliebt sind – und insbesondere auch bei Menschen funktionieren, die nicht am selben Ort leben. “Warum glaubt jemand, dass die Person, die er sucht, in seiner Stadt leben muss?”, fragt Germany. “Wenn sie nur eine Autofahrt oder einen kurzen Flug entfernt ist, konnte es trotzdem funktionieren.”

Zeit wichtiger als Wohnort

Die Pandemie hat viele vorgefasste Meinungen uber Faktoren wie Entfernung und Wohnorte verandert. Mit Homeoffice und flexiblen Zeitplanen haben die Menschen mehr Freiraum, wenn es darum geht, wo und wann sie sich treffen. Zudem sind diejenigen, die eine langfristige Beziehung anstreben, daran interessiert, sich Zeit dafur zu nehmen und sie gut zu nutzen. (Alle diese Initiativen sind kostenlos , obwohl Germany neben TikTok auch andere Partnervermittlungsdienste anbietet, die bei gut 250 Euro beginnen).

Naturlich ist es kein neues Konzept, sich selbst fur ein Date zu bewerben oder sich von “jemandem, der jemanden kennt” verkuppeln zu lassen. Bevor Tinder und andere Apps bei der Suche nach potenziellen Partnern fur Millionen von Menschen zur Normalitat wurden, halfen Kontaktanzeigen auf den US-amerikanischen Anzeigenwebsites Craigslist und Missed Connections dabei. Wahrend des ersten Lockdowns in der Pandemie wurde auch die Vermittlung uber Zoom zum Trend.

Heute sind Dating-Apps im Gro?en und Ganzen immer noch die fuhrende Strategie fur Partnersuchende. Laut einer Studie des Pew-Forschungszentrums in Washington, nur einen Monat vor der Pandemie veroffentlicht, nutzen 30 Prozent der Amerikaner eine solche App. In der Altersgruppe der 18- bis 29-Jahrigen sind es sogar 48 Prozent, und bei Homosexuellen sogar 55 Prozent. Und 20 Prozent der jungen Menschen und LGBT-Menschen sind eine langfristige Beziehung mit einem Menschen eingegangen, den sie auf diese Weise kennengelernt haben.

Dauerhafte Beziehung statt Dates

Nach der Pandemie stehen die Dating-Apps jedoch in einem anderen Licht. Die um die Jahrtausendwende Geborenen, die Beziehungen, Sex und Ehe durch die Nutzung der Apps revolutioniert haben, sind jetzt alter und suchen meist nach langerfristigen Beziehungen, die fruher oft schwer zu finden waren.

Fur Sakallahs Generation und die heranwachsende Generation Z sind Dating-Apps eher langweilig. Sie sehnen sich nach etwas Neuem, und das bedeutet zunehmend, dass sie sich fur die Partnervermittlung der alten Schule entscheiden, allerdings vermittelt durch moderne Technologie.

Es sind nicht nur die hippen eren Art der Partnersuche sehnen. Laut Germany wurde TikTok zwar meist mit Teenagern in Verbindung gebracht, aber ihre Kunden seien meist zwischen 30 und 45. “Superjunge Leute sind eigentlich selten”, sagt sie. “Vielleicht liegt das daran, dass sie lieber mehr lockere Dates als feste Beziehungen suchen. Die Leute dagegen, die zu mir kommen, sind frustriert, weil sie in diesem Kreislauf feststecken und eine echte Beziehung wollen.”

Und vielleicht ist das genau der Grund, warum Dating-Apps nicht zu verschwinden drohen: weil Dating-Portale fur Menschen gut funktionieren, die sich einfach verabreden oder eine lockere Beziehung fuhren wollen, wahrend Partnervermittlung von vornherein viel ernsthafter und zeitaufwendiger ist. “Wenn du heute Abend ein Date willst, kannst du das uber eine Dating-App machen. Bei der Partnervermittlung geht das nicht”, sagt Germany.

Gro?e Nachfrage, wenig Paare

Das hei?t jedoch nicht, dass Partnervermittlungen letztlich erfolgreicher sind. Sakallah sagt, sie kenne nur eine Handvoll Leute, die sich wirklich verabredet haben. Ebenso sind nur wenige Paare, die sich uber Germanys Portal gefunden haben, zusammengeblieben. Aber beide sagen, dass das Interesse an ihren Projekten sprunghaft angestiegen sei: Sakallahs Newsletter hat uber 2.000 Mitglieder, Germany eine Warteliste von Personen.

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